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Kaffee & Verdauung: Forscher entlarven den Koffein-Mythos

Geht es Ihnen auch so, nach dem Kaffee am Morgen verspüren Sie ein menschliches Bedürfnis? Lange galt die anregende Wirkung auf die Verdauung als simple Nebenwirkung des Koffeins. Forschungsergebnisse aus Japan werfen nun ein völlig neues Licht auf dieses altbekannte Phänomen und entlarvt die gängige Annahme als Mythos. Eine wegweisende Studie der Universität Tokushima entschlüsselt die überraschende Geschwindigkeit und die komplexen Mechanismen, die schon nach dem ersten Schluck greifen.

Die Tokushima-Studie: Live-Einblicke in den Darm

Japanische Forscher haben sich der Frage gewidmet, wie schnell Kaffee seine Wirkung im Verdauungstrakt entfaltet. Die strategische Bedeutung dieser Forschung liegt darin, dass sie erstmals die unmittelbare Reaktion des Darms auf den Kaffeekonsum in Echtzeit gemessen hat und damit bisherige Annahmen auf den Prüfstand stellt.

In ihrer bereits im Juni verfassten, aber erst im Dezember 2025 veröffentlichten Studie nutzten Wissenschaftler der Universität Tokushima eine innovative Technologie, mit der sie dem Darm quasi „beim Arbeiten zuhören“ konnten. Durch die Analyse der Darmgeräusche verfolgten sie die Aktivität in Echtzeit vor, während und nach dem Kaffeetrinken. Die Testpersonen tranken dabei Kaffee in unterschiedlichen Konzentrationen – von schwach bis extra stark.

Das zentrale Ergebnis ist ebenso klar wie erstaunlich: Die Darmaktivität steigt bereits innerhalb der ersten zehn Minuten nach dem Kaffeetrinken signifikant an. Dieser Effekt tritt also lange ein, bevor der Körper das Koffein vollständig aufgenommen und in den Blutkreislauf transportiert hat.

Überraschend war zudem die Erkenntnis, dass die Stärke des Kaffees eine untergeordnete Rolle spielt. Selbst schwacher Kaffee reichte aus, um diesen Reflex auszulösen. Dieser natürliche Reflex ist ein Signal an den Dickdarm, sich auf die bevorstehende Nahrungsaufnahme vorzubereiten und Platz zu schaffen. Die Tatsache, dass die Wirkung ein ausgelöster Reflex und keine dosisabhängige chemische Reaktion ist, widerlegt die alleinige Fixierung auf das Koffein als Hauptakteur.

Diese Erkenntnis wirft eine entscheidende Frage auf: Wenn nicht das Koffein für diesen schnellen Effekt verantwortlich ist, welche Faktoren sind dann im Spiel?

Entschlüsselt: Die Kaskade der Wirkstoffe

Die neuen Daten räumen endgültig mit dem Mythos auf, allein das Koffein sei für die verdauungsfördernde Wirkung verantwortlich. Tatsächlich handelt es sich um eine fein abgestimmte und sekundenschnelle biologische Kaskade, eine Choreografie aus neurologischen und hormonellen Signalen.

Signale vom Gehirn

Alles beginnt, bevor der erste Tropfen Kaffee den Magen erreicht. Allein der Geschmack und das intensive Aroma senden über den Vagusnerv – eine zentrale Nervenbahn, die Gehirn und Magen-Darm-Trakt verbindet – ein unmittelbares Startsignal an den Darm. Dieser Reflex bereitet das Verdauungssystem vor und leitet erste Bewegungen ein. Dieses Phänomen tritt bei Wasser oder Tee in dieser ausgeprägten Form nicht auf und unterstreicht die besondere biochemische Signatur von Kaffee.

Hormonelle Helfer

Dieses erste Signal vom Gehirn bereitet den Darm vor. Sobald der Kaffee den Magen erreicht, übernimmt eine zweite Welle von Botenstoffen die Regie. Zwei körpereigene Hormone spielen dabei eine Schlüsselrolle:

  • Gastrin: Dieses Hormon wird durch die im Kaffee enthaltenen Säuren stimuliert. Seine Hauptaufgabe ist es, die Muskelbewegungen im Dickdarm anzuregen. Die Produktion von Gastrin wird angekurbelt, was wiederum die Kontraktionen der Darmmuskulatur verstärkt.
  • Cholecystokinin (CCK): Dieser zweite wichtige Botenstoff beschleunigt die Freisetzung von Verdauungsenzymen und Galle. CCK sorgt dafür, dass der Körper optimal auf die Verarbeitung von Nährstoffen vorbereitet ist, und trägt ebenfalls zur Anregung der Darmbewegung bei.

Ein weiteres starkes Indiz für die multifaktorielle Wirkung ist die Tatsache, dass auch entkoffeinierter Kaffee den Drang zur Darmentleerung auslösen kann, wenn auch in etwas schwächerer Form. Dies belegt eindrücklich, dass die im Kaffee enthaltenen Säuren, Polyphenole und andere Verbindungen eine eigenständige, von Koffein unabhängige Rolle spielen und die schnelle Reaktion des Körpers steuern.

Ein neues Verständnis Ihrer Kaffeetasse?

Die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeichnen ein neues, faszinierendes Bild von einem der beliebtesten Getränke der Welt. Die Wahrnehmung von Kaffee wandelt sich zusehends – weg vom reinen Genuss- und Aufputschmittel hin zu einem funktionellen Lebensmittel mit nachweisbaren Effekten auf die Verdauungsphysiologie. Die schnelle Wirkung ist kein Zufall und schon gar nicht nur die Folge von Koffein, sondern das Resultat einer präzisen biologischen Reaktion. Der Körper reagiert nicht primär auf einen Wirkstoff im Blut, sondern auf ein Signal, das durch Geruch, Geschmack und die chemische Zusammensetzung des Getränks ausgelöst wird.

Quellen:

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Tobias Hoffmannswald, geboren und aufgewachsen in Stuttgart, entdeckte seine Leidenschaft für Kaffee bereits in jungen Jahren. Verantwortlich dafür machte er den Duft frischen Kaffees, der stets in der Bäckerei seiner Eltern lag. Nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, zog es Tobias hinaus in die Welt. Seine Faszination für Kaffee führte ihn nach Mittelamerika, wo er sich in Honduras und später El Salvador den Kaffeeanbau ganz genau ansah. Zurück in Deutschland, entschied sich Tobias, seine Begeisterung für Kaffee zu professionalisieren. Er ließ sich zum Barista ausbilden. Mit frisch erworbenem Fachwissen und einer tiefen Wertschätzung für die Kunst des Kaffees suchte Tobias nach Möglichkeiten, seine Vision zu teilen und anderen die Welt des Kaffees näherzubringen. Über den ein oder anderen Umweg fand er diese Möglichkeit schließlich in Würzburg, wo er seit 2023 das Team von KaffeeTechnik Seubert mit seinem Baristaskills unterstützt.

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