Vietnam ist heute nach Brasilien der zweitgrößte Exporteur von Kaffee. Ihren Anteil daran, hatte auch die ehemalige DDR.

Wer Vietnam und Kaffee nicht gleich in Zusammenhang bringt, ist wahrscheinlich entweder nach der Wiedervereinigung geboren oder in den alten Bundesländern aufgewachsen. Denn das Vietnam heute hinter Brasilien die Nummer 2 bei Kaffeeanbau und Export ist, dürfte in den neuen Bundesländern niemanden wirklich überraschen. Immerhin bezog die ehemalige DDR den größten Teil ihrer Kaffeeimporte aus dem sozialistischen Bruderland. Damit brachte Ost-Berlin den Kaffeeanbau in Vietnam erst so richtig in Schwung.

Versorgungsengpässe im Westen, leere Regale im Osten

1976/77 kam es in Ost-Deutschland zur sogenannten Kaffeekrise. Der Marktpreis für Kaffee stieg aufgrund von Missernten in Brasilien derart, dass selbst im Westen Versorgungsengpässe auftraten, in der DDR drohte sogar die Einstellung der gesamten Kaffeeproduktion. Gleichzeitig hatte die Ölkrise den Erdölpreis in die Höhe getrieben, und da die DDR beides mit stets knappen Devisen begleichen musste, gab es in der DDR-Führung bereits Stimmen, man müsse sich eben zwischen Kaffee und Öl entscheiden. Mit anderen Worten, man würde den Kaffeeimport einstellen müssen.

Man behalf sich jedoch mit günstigen Kaffee aus Äthiopien und Kaffeeersatz. Doch der afrikanische Kaffee reichte nicht aus, und der Kaffeeersatz stieß bei der Bevölkerung aber auf wenig Begeisterung. Der Kaffeeersatz ließ sogar manche Kaffeemaschinen komplett versagen, das dort enthaltene Eiweiß quoll aufgrund von Druck und Hitze auf und verstopfte die Filter. Die DDR-Führung suchte immer fieberhafter nach einem Ausweg, um die steigende Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu dämpfen.

Der Motorroller aus dem Stadtbild in den Städten Vietnams nicht mehr wegzudenken.

Kaffee als Wirtschaftsfaktor nach Ende des Vietnamkrieges

Zeitgleich begann sich Vietnam schleppend vom Ende des Vietnamkrieges 1975 zu erholen. Der Kaffeeanbau sollte eine zentrale Rolle dabei spielen. Um 1850 hatten die Franzosen erstmals Kaffee nach Indochina gebracht, zuerst nur für den Eigenbedarf der französischen Kolonialisten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begann man auch Kaffee für den Import anzubauen, eine große Rolle spielte der Kaffeeanbau aber weder für die Wirtschaft Indochinas selbst, noch auf dem internationalen Kaffeemarkt. Die Gründe dafür lagen hauptsächlich in der unruhigen Vergangenheit des Landes, das schon vor dem eigentlichen Vietnamkrieg durch teilweise Besetzung durch die Japaner, Unabhängigkeitskrieg und Bürgerkrieg geschunden war. Nach dem Sieg des kommunistischen Nord-Vietnams erinnerten sich die neuen Machthaber allerdings an die alte Tradition des Kaffeeanbaus und begannen diesen Stück für Stück zu rekultivieren.


Tipp: Die Anbaubedingungen für Kaffee werden in Vietnam massiv durch den Klimawandel gefährdet. Sehen Sie dazu die arte tv-Dokumentation Klimawandel, der Vietnam-Krieg von heute.


Gerade rechtzeitig für die DDR, die mit Vietnam eine besonders enge Partnerschaft einging, zu der auch bald der Kaffeehandel gehörte. Im Gegensatz zu den Devisen verlangenden anderen Herkunftsländern war Vietnam nämlich bereit, den Kaffee auch im Tausch mit Waffen und anderem Kriegsgerät abzugeben. Die DDR-Kaffeekrise war gelöst, auch wenn die meisten Bürger im Osten Kaffee aus dem Westen gegenüber dem Ost-Kaffee jederzeit den Vorzug gaben.

Ideale Anbaubedingungen für Kaffee

Mit 15 Millionen Kaffeesäcken jährlich ist der südostasiatische Staat inzwischen zum weltweit zweitgrößten Kaffeeproduzenten aufgestiegen. Das auf die Provinzen Dak Lat, Kontum, Gia Lai, Lam Duong und Buon me Thuot verteilte vietnamesische Hochland bietet ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau, entsprechend wird dort auch der meiste Kaffee angebaut. Überwiegend auf kleinen Kaffeeplantagen, weit über 90% sind keine 500 Hektar groß. Obwohl offiziell immer noch eine kommunistische Volksrepublik, liegt zwar über die Hälfte des Kaffeeanbaus in staatlicher Hand, es gibt aber immer mehr private Unternehmen. Prominentes Beispiel ist die Kaffeehauskette Highlands Coffee, die ihren eigenen Kaffee anbaut und röstet. Der Amerikaner mit vietnamesischen Wurzeln David Thai, hatte sie unter dem Eindruck des Erfolgs von Starbucks gegründet.

Das weltweite Verhältnis zwischen Arabica- und Robusta-Kaffeesorten geht bekanntlich eindeutig zu Gunsten der Arabicabohnen aus. In Vietnam wird dieses Verhältnis allerdings auf den Kopf gestellt, das Land baut überwiegend Robustakaffeepflanzen an. Dem Ruf von vietnamesischen Kaffee hat das nicht gerade geholfen. Die Kaffeeart macht ihrem Namen bekanntlich alle Ehre, weshalb sie auch dann noch blüht und gedeiht, wenn man sie nicht hegt und pflegt. Nur am Geschmack kann man es später nicht leugnen, der gilt oft als zu holzig und matt. Das Gros des Kaffees hat daher meist nur durchschnittliche Qualität. Oft wird der Kaffee aus Vietnam deshalb gerne als Füllmenge bei Kaffeemischungen verwendet.

Traditionelle Kaffeezubereitung mit viel Kondensmilch

Vietnams lebendige Kaffeekultur

Sieht man sich die in Vietnam herrschende Kaffeekultur an, verwundert die durchschnittliche Qualität allerdings. Denn anders als in vielen seiner Nachbarstaaten, hat sich hier eine breite und anspruchsvolle Kaffeekultur entwickelt. Die spezifisch vietnamesischen Kaffeespezialitäten sind für den europäischen Kaffeetrinker allerdings etwas fremd. Einen ca phe sua etwa, also einen Milchkaffee, bereitet man kalt und mit Kondensmilch zu. Beides übrigens eine Reaktion auf die heißen Temperaturen im Land, Kondensmilch hält sich ungekühlt länger. Ein sua chua ca phe wird ebenfalls gern getrunken, vereinfacht gesagt besteht er aus einem mit Kaffee übergossenen Joghurt. Vielleicht am bekanntesten ist der ca phe trung, ein Eier-Kaffee. Hier wird das Eigelb mit der Kondensmilch und etwas Zucker zu einer schaumigen Masse geschlagen, und kommt dann zu der Tasse Kaffee oder Espresso. Das mag gewöhnungsbedürftig klingen, soll angeblich aber sehr lecker sein.


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