Das sagt die Wissenschaft,  Kaffeegeschichte(n)

Espresso-Mythen entlarvt: Darum nützt mehr Druck nichts

Siebträger mit Kaffeemehl gefüllt

Wenn der Espresso zu langsam läuft oder die Durchflussrate erhöht werden soll, dreht man einfach den Brühdruck hoch. Schließlich sollte mehr Druck das Wasser schneller durch das Kaffeemehl pressen – so zumindest die intuitive Annahme viele Besitzer von Espressomaschinen/Siebträgern. In der Praxis führt dieses Vorgehen jedoch überraschend oft zu uneinheitlichen Ergebnissen, unerklärlichen Schwankungen in der Durchlaufzeit und Channeling, bei dem sich das Wasser bevorzugte Wege durch den Kaffeepuck sucht.

Eine neue Studie bringt nun Licht in dieses Phänomen. Veröffentlicht in der Fachzeitschrift Physics of Fluids von einem Forscherteam mit Zugehörigkeiten in Polen und Deutschland (darunter die Universität Warschau), erklärt die Arbeit die exakten Mechanismen der Durchflussregulierung im Kaffeepuck.

Die zentrale Erkenntnis: Unter realen Brühbedingungen hört in Nutzung befindliches Kaffeemehl auf, sich wie ein gewöhnliches poröses Material zu verhalten. Damit löst die Wissenschaft ein langjähriges Rätsel für Baristas und zeigt mathematisch fundiert, warum ein höherer Druck nicht automatisch zu einer schnelleren Extraktion führt.

Die Druck-Falle: Warum mehr Bar ab einem gewissen Punkt wirkungslos ist

Die Studie untersuchte das Verhalten des Durchflusses über ein breites Druckspektrum von etwa 1 bis 12 bar. Dabei zeigten sich zwei völlig unterschiedliche Verhaltensmuster des Kaffeekuchens:

  • Niedriger Druckbereich (1 bis 5 bar): Bei geringem Wasserdruck verhält sich das Kaffeemehl wie ein Standard-Poroskörper. Ein Anstieg des Drucks führt direkt zu einer höheren Durchflussrate – das Wasser strömt mit zunehmendem Druck schneller durch die Hohlräume.
  • Typischer Espressobereich (6 bis 9 bar, bis 12 bar): Sobald der Druck in den Bereich steigt, der in der Gastronomie und Heimbarista-Praxis üblich ist, verändert sich die Physik schlagartig. Die Durchflussrate saturiert; sie stagniert auf einem Plateau und steigt trotz weiterer Druckerhöhung nicht mehr weiter an.

Diese Entdeckung zeigt die praktische „Druck-Falle“ auf: Wer den Pumpendruck seiner Maschine über die typischen kommerziellen Bereiche hinaus anhebt, erreicht keine Beschleunigung des Brühvorgangs. Die Durchflussrate stößt an eine unüberwindbare physikalische Grenze.

Wie sich der Kaffeepuck selbst im Weg steht

Um dieses Phänomen mathematisch zu beschreiben, wendeten die Forscher das Konzept der Poroelastizität an. Der Kaffeepuck ist kein starrer Festkörper, sondern ein nasses, poröses Bett, das sich unter hohem Druck physisch verformt und verdichtet. Durch den steigenden Wasserdruck komprimieren sich die Kaffeepartikel, wodurch sich die mikrostrukturellen Kanäle verengen, durch die das Wasser fließen muss. Je mehr Druck ausgeübt wird, desto stärker zieht sich das Material zusammen und leistet dem Wasser Widerstand.

Der kontinuierliche Verlust an löslicher Masse hinterlässt deutliche Spuren im Gefüge des Kaffeebetts. Indem die Chemie dem Puck seine feste Substanz entzieht, schwächt sie die mechanische Stabilität des Materials – eine physikalische Grundlage für die Verformungen, die unter hohem Brühdruck folgen.

Mithilfe von Röntgen-Mikrotomographie (X-ray micro-CT) erstellten die Wissenschaftler hochauflösende Aufnahmen des Kaffeepucks vor und nach der Extraktion. Die Bilder lieferten den visuellen Beweis für diese strukturelle Zersetzung:

  • Innere Verformungen: Nach dem Brühvorgang zeigten sich deutliche Quellungen der Partikel, interne Rissbildungen sowie Delaminationen (Schichtablösungen) im Inneren des Pucks.
  • Warnung vor Brühunterbrechungen: Die Studie stellte fest, dass das Stoppen und erneute Starten des Brühzyklus die Durchflussrate erhöht, ohne zusätzliche Kaffeefeststoffe zu lösen. Wer versucht, einen Espresso zu verlängern, indem er das Wasser mehrfach durch denselben Puck laufen lässt, provoziert durch den Kollaps der geschädigten Struktur massive Inkonsistenzen in der Extraktion.

Warum der perfekte Druck nicht die alleinige Lösung ist

Diese Arbeit reiht sich nahtlos in eine Reihe moderner physikalischer Studien zur Espresso-Extraktion ein. So modellierten Forscher in Royal Society Open Science kürzlich die Permeabilität im Kaffeebett mittels Computertomographie und Strömungssimulationen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 (Physics of Fluids) zeigte, wie zu feine Mahlgrade durch Verstopfungen zu schwächerem Espresso führen können, während eine Untersuchung aus 2020 traditionelle Rezepte infrage stellte und für geringere Dosiermengen, gröbere Mahlgrade und schnellere Shots plädierte.

Werbebanner für Marese Kaffee
mit KI generiert

Die aktuellen Ergebnisse bezüglich der Poroelastizität liefern zwar kein Universalrezept für die Gastronomie und beweisen keineswegs, dass 9 bar zwingend für jeden Kaffee optimal sind. Sie verdeutlichen jedoch die Grenzen rein mechanischer Druckanpassungen:

  • Der Brühdruck der Pumpe ist nur ein Teil der physikalischen Gleichung.
  • Die Puck-Präparation – einschließlich WDT, gleichmäßiger Partikelverteilung, Dosierung und passendem Mahlgrad – ist um ein Vielfaches entscheidender für die Vermeidung von Channeling und das Erreichen konstanter Shots als das bloße Drehen an der Druckschraube.

Für die systematische Erfassung dieses Effekts nutzte das Forschungsteam einen hochpräzisen Versuchsaufbau mit einem 2-gruppigen Siebträger, sowie Werkzeugen wie Drucksensor, Digitalwaage und Arduino-Datenerfassungssystem zur genauen Aufzeichnung von Druck und Massendurchfluss.

Die genutzte extralangen Brühzeiten von 120 Sekunden stehen in bewusstem Kontrast zu normalen kommerziellen Shots (20–30 Sekunden): Sie dienten als experimentelles Diagnosewerkzeug, um das Puck-Verhalten in einem vollkommen stabilen Zustand zu beobachten, nachdem die überwiegende Mehrheit der löslichen Stoffe ausgewaschen war.

Fazit & Blick in die Zukunft

Die Physik entschlüsselt Schritt für Schritt die komplexen Abläufe in der Espresso-Brühgruppe. Wo früher Vermutungen herrschten, zeigen moderne Messmethoden und poroelastische Modelle heute präzise, warum mehr Druck ab einem gewissen Punkt schlicht wirkungslos bleibt und das Material komprimiert, statt den Fluss zu beschleunigen.

Für Baristas bedeutet das eine klare Fokusverlagerung: Weg von der reinen Fixierung auf Druckanzeigen, hin zu akribischer Handarbeit bei der Mehlverteilung und Struktur des Kaffeebetts.

Quellen:

Avatar-Foto

Tobias Hoffmannswald, geboren und aufgewachsen in Stuttgart, entdeckte seine Leidenschaft für Kaffee bereits in jungen Jahren. Verantwortlich dafür machte er den Duft frischen Kaffees, der stets in der Bäckerei seiner Eltern lag. Nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, zog es Tobias hinaus in die Welt. Seine Faszination für Kaffee führte ihn nach Mittelamerika, wo er sich in Honduras und später El Salvador den Kaffeeanbau ganz genau ansah. Zurück in Deutschland, entschied sich Tobias, seine Begeisterung für Kaffee zu professionalisieren. Er ließ sich zum Barista ausbilden. Mit frisch erworbenem Fachwissen und einer tiefen Wertschätzung für die Kunst des Kaffees suchte Tobias nach Möglichkeiten, seine Vision zu teilen und anderen die Welt des Kaffees näherzubringen. Über den ein oder anderen Umweg fand er diese Möglichkeit schließlich in Würzburg, wo er seit 2023 das Team von KaffeeTechnik Seubert mit seinem Baristaskills unterstützt.

Top