{"id":3841,"date":"2023-04-05T09:13:00","date_gmt":"2023-04-05T07:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/?p=3841"},"modified":"2025-07-23T14:51:01","modified_gmt":"2025-07-23T12:51:01","slug":"erichs-kroenung-die-ddr-kaffeekrise-und-ihre-folgen-fuer-vietnam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/erichs-kroenung-die-ddr-kaffeekrise-und-ihre-folgen-fuer-vietnam\/","title":{"rendered":"\u201eErichs Kr\u00f6nung\u201c \u2013 Die DDR Kaffeekrise und ihre Folgen f\u00fcr Vietnam"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-very-light-gray-to-cyan-bluish-gray-gradient-background has-background\"><strong>Zusammenfassung:<\/strong> Die DDR-Kaffeekrise der 1970er Jahre f\u00fchrte zu drastischen Ma\u00dfnahmen wie der Einf\u00fchrung des unbeliebten Mischkaffees \u201eErich\u2019s Kr\u00f6nung\u201c. Missernten in Brasilien und knappe Devisen zwangen die DDR, Kaffeeimporte zu reduzieren. Ein Tauschhandel mit \u00c4thiopien und sp\u00e4ter Vietnam sicherte die Versorgung: Die DDR lieferte Maschinen und Infrastruktur, Vietnam baute den Kaffeeanbau massiv aus. Dieses Staatsabkommen legte den Grundstein f\u00fcr Vietnams Aufstieg zum zweitgr\u00f6\u00dften Kaffeeproduzenten der Welt. Heute ist vietnamesischer Kaffee international etabliert \u2013 ein Ergebnis, das auch auf die Entwicklungen der DDR-Kaffeekrise zur\u00fcckgeht.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"426\" src=\"https:\/\/kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/ddr-kaffeekrise.jpg\" alt=\"Kaffeetasse mit DDR Emblem\" class=\"wp-image-3796\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/ddr-kaffeekrise.jpg 640w, https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/ddr-kaffeekrise-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Sie hie\u00dfen Mona, Rondo oder Mokka-Fix-Gold. Das Luxusprodukt Kaffee wollten sich auch die Deutschen in der DDR nicht nehmen lassen, deshalb spielten die \u201eR\u00f6stfein\u201c-Kaffees von Beginn an eine Rolle in den Wirtschaftspl\u00e4nen des SED-Politb\u00fcros.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Nachkriegsjahren kam der in der Ostzone und sp\u00e4teren DDR verf\u00fcgbare Kaffee fast ausschlie\u00dflich aus der Sowjetunion. Erst 1957 begann man mit der eigenen Produktion. Kaffee war unter den Lebensmitteln zwar teuer, aber im Gegensatz zu anderen Luxusg\u00fctern doch verf\u00fcgbar. Bis die Pl\u00e4ne der Politb\u00fcros in den 1970ern nicht aufzugehen begannen.<\/p>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"missernten-und-devisenprobleme-sorgten-fuer-versorgungsengpaesse\">Missernten und Devisenprobleme sorgten f\u00fcr Versorgungsengp\u00e4sse<\/h2>\n\n\n<p>Missernten in Brasilien, schon damals das Land mit der gr\u00f6\u00dften Kaffeeproduktion, lie\u00df die Menge des verf\u00fcgbaren Kaffees sinken und die Preise steigen. Die sozialistische DDR wurde von diesem marktwirtschaftlichen Mechanismus doppelt getroffen. Der steigende Preis traf auf ein Land, dessen Devisen f\u00fcr Importe st\u00e4ndig knapp waren. Hatte man in den Jahren 1974 oder 1975 noch rund 150 Millionen Valutamark f\u00fcr den importierten Kaffee ausgegeben, mussten im Folgejahr mit 700 Millionen fast das F\u00fcnffache investiert werden.<\/p>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"einstellung-der-kaffeeproduktion-stand-zur-debatte\">Einstellung der Kaffeeproduktion stand zur Debatte<\/h2>\n\n\n<p>Ende 1976, Anfang 1977 war die DDR Kaffeekrise offensichtlich, und die Versorgungsengp\u00e4sse lie\u00dfen sich auch vor der Bev\u00f6lkerung nicht l\u00e4nger verbergen. Es r\u00e4chte sich gewisserma\u00dfen, dass man schon in den Jahren zuvor den Kaffeeimport immer weiter gedrosselt hatte, um mehr Devisen f\u00fcr den Ankauf von Erd\u00f6l zur Verf\u00fcgung zu haben. Das Budget war zu klein, und Vorr\u00e4te gab es nicht. Der f\u00fcr seinen, einige Jahre sp\u00e4ter mit Franz-Josef Strau\u00df vereinbarten Milliardenkredit bekannte gewordene SED-Politiker Alexander Schalck-Golodkowski schlug die Einstellung der Kaffeeproduktion in der DDR vor. Diese Ma\u00dfnahme konnte letztlich nur dadurch verhindern werden konnte, weil Werner Lamberz, Mitglied des Zentralkomitees, ein Tauschgesch\u00e4ft mit \u00c4thiopien einf\u00e4delte. Die DDR lieferte R\u00fcstungswaren nach Afrika und bekam im Gegenzug genug Kaffee, um die Produktion fortsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/ostalgie.jpg\" alt=\"Ostalgie Laden\" class=\"wp-image-3842\" srcset=\"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/ostalgie.jpg 1024w, https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/ostalgie-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/ostalgie-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Manch einer, der damals dabei gewesen war, d\u00fcrfte jetzt aber wohl bemerken: \u201eNa ja, was man halt so Kaffee nannte, in der DDR.\u201c Zwar war nun wieder Kaffee vorhanden, allerdings bei weitem nicht genug. Das Politb\u00fcro griff zu drastischen Ma\u00dfnahmen, auch wenn einzelne Mitglieder auf die drohende Unzufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung hinwiesen. Das Angebot f\u00fcr die DDR B\u00fcrger wurde auf noch weniger Sorten beschr\u00e4nkt. Ganz marktwirtschaftlich wollte man eine Kontingentierung von Kaffee vermeiden, in dem man den Preis verdoppelte. Man rechnete deshalb damit, dass die Nachfrage tief genug sinken w\u00fcrde, damit derartige Ma\u00dfnahmen nicht notwendig w\u00fcrden. Auch in den Gastst\u00e4tten wurde der Kaffee knapp, w\u00e4hrend man ihn in anderen staatlichen Einrichtungen teilweise ganz verschwinden lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings selbst nachdem der Preis f\u00fcr die im Handel weiter erh\u00e4ltlichen Kaffeesorten drastisch erh\u00f6ht worden war, reichte der verf\u00fcgbare Kaffee nicht aus. Ein Mischkaffee kam auf den Markt, um die Situation zu beruhigen. Dieser bestand nur noch zu rund 50% aus Kaffee , w\u00e4hrend die andere H\u00e4lfte zum gro\u00dfen Teil aus einem Roggen-Gersten-Gemisch, Zichorie und sogar getrocknete Zuckerr\u00fcbenschnitzel bestand. Im Volksmund nannte man die neue Kaffeemischung, in Anspielung auf eine Westmarke, sarkastisch \u201eErich\u2019s Kr\u00f6nung\u201c. Entsprechend unbeliebt war der staatlich verordnete Kaffeemix bei der Bev\u00f6lkerung. Viele zogen es vor, lieber gar keinen Kaffee mehr zu kaufen. Auch die Gastronomie war gezwungen den neuen Kaffeemix zu verwenden. Die Kaffeemaschinen dort wurden allerdings regelm\u00e4\u00dfig von der gestreckten Kaffeemischung lahm gelegt, weil das dort enthaltene Eiwei\u00df aufquoll und die Filter der Maschinen verstopfte.<\/p>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"beitrag-zur-entwicklung-vietnams-als-kaffeeproduzent\">Beitrag zur Entwicklung Vietnams als Kaffeeproduzent<\/h2>\n\n\n<p>Nachdem die Kaffeeernten der Folgejahre wieder besser wurden, und der Preis f\u00fcr Kaffee entsprechend sank, verbesserte sich auch die Kaffeeversorgung in der DDR wieder. Generell waren die Devisen aber immer knapp, egal was f\u00fcr G\u00fcter importiert wurden. In Sachen Kaffee kam die SED-F\u00fchrung allerdings auf eine andere Idee. Unter dem Eindruck der Kaffeekrise ging man ab den 1980er Jahren einen anderen Weg, zusammen mit dem sozialistischen Bruderland Vietnam. In S\u00fcdostasien hatte man sich etwa zur selben Zeit daran erinnert, dass unter der franz\u00f6sischen Herrschaft Kaffee angebaut worden war. Damals war die Anbaumenge bescheiden gewesen, obwohl sich die geographischen und klimatischen Bedingungen durchaus gut f\u00fcr Kaffee eigneten. Das vom Vietnamkrieg noch immer gezeichnete Land griff diese Tradition wieder auf und weitete den Kaffeeanbau massiv aus. Und daran hatte auch die DDR ihren Anteil.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Staatsabkommen einigte man sich auf ein neues Tauschgesch\u00e4ft. Die DDR lieferte Maschinen und baute H\u00e4user, Krankenh\u00e4user usw. in den Kaffeeanbauregionen, und erhielt im Gegenzug von Vietnam Kaffee. Als gegen Ende des Kalten Krieges ein gro\u00dfes Umsiedelungsprogramm in Vietnam gestartet wurde, rund 10.000 Menschen sollten dem Kaffeeanbau weichen, beteiligte sich die DDR am Aufbau einer neuen Infrastruktur f\u00fcr die Umgesiedelten. Im Gegenzug sicherte man sich auf 20 Jahre hinaus die H\u00e4lfte des in Vietnam angebauten Kaffees. Nun, die Geschichte machte diesem Abkommen einen Strich durch die Rechnung. Wenige Monate sp\u00e4ter fiel die Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 1989 verschwanden die meisten in der DDR hergestellten Produkte aus den Regalen, und wurden durch Westprodukte ersetzt. Fortan gab es nicht mehr \u201eErich\u2019s Kr\u00f6nung\u201c, sondern die Original \u201eKr\u00f6nung\u201c. F\u00fcr Kaffeefreunde ein Fortschritt. Zwar war der Kaffee aus Vietnam weit besser, als der Kaffee-Mix mit Zuckerr\u00fcbenschnitzel, aber selbst heute dient er meist dazu Kaffeemischungen aufzuf\u00fcllen. Das hat Vietnam allerdings nicht daran gehindert, einen rasanten Aufstieg auf dem Kaffeemarkt hinter sich zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vietnam erzeugt inzwischen j\u00e4hrlich rund 28 Millionen S\u00e4cke \u00e1 60 kg Kaffee. Als die von den Amerikaner nach dem Vietnamkrieg verh\u00e4ngten Sanktionen aufgehoben wurden, startete das s\u00fcdostasiatische Land in Sachen Kaffeeanbau durch. Heute ist es der zweitgr\u00f6\u00dfte Kaffeeproduzent der Welt. Eine Position, die es auch ein wenig \u201eErich\u2019s Kr\u00f6nung\u201c verdankt, die heute auch bei uns Gott sei Dank nur noch ein schlechter Geschmack der Vergangenheit ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die DDR-Kaffeekrise der 1970er Jahre f\u00fchrte zu drastischen Ma\u00dfnahmen wie der Einf\u00fchrung des unbeliebten Mischkaffees \u201eErich\u2019s Kr\u00f6nung\u201c. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[147,150],"tags":[],"class_list":["post-3841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kaffeegeschichten","category-trivia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3841"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3844,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3841\/revisions\/3844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kaffeetechnik-shop.de\/kaffeejournal\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}