Wer sich Kaffeehauptstadt Italiens nennt, muss dies auch belegen können. Den Triestinern gelingt dies scheinbar mühelos.

An der italienischen Adria zieht es das Gros der Touristen nach Venedig. In Massen strömen sie, zumindest in Nicht-Corona-Zeiten, Tag für Tag auf den Markusplatz, sparzieren über die Rialto Brücke und manche zahlen sogar den happigen Preis für eine romantische Gondelfahrt durch den Canal Grande.

Der andere Canal Grande

Einen Canal Grande kann das östlich, nahe der slowenischen Grenze gelegene Triest ebenfalls aufweisen. An Touristen arm ist die Stadt zwar auch nicht, aber kein Vergleich zu Venedig. Triest ist vielleicht kein Geheimtipp mehr, aber doch immer noch ein Reiseziel für Kenner.

Canal Grande in Triest
Auch Triest hat seinen Canal Grande

In seiner Architektur spiegelt sich die lange Geschichte der Stadt wider, über der erst seit Ende des 1. Weltkriegs die italienische Trikolore weht. Zuvor war Triest über Jahrhunderte hinweg Teil des Reichs der Habsburger. Jenes Herrschergeschlecht war es auch, das Triest 1709, immerhin gut 1.000 Jahre nach ihrer ersten urkundlichen Erwähnung, zur Stadt und zu einem Freihafen erhoben. Für Österreich wurde Triest bald zum wichtigsten Hafen. Nur im Wettstreit mit Venedig konnte man freilich nicht mithalten. Das änderte sich erst als die Republik Venedig von Napoleon besetzt und nach dem Wiener Kongress selbst an Österreich fiel. Der nun einsetzende Niedergang Venedigs ging einher mit der Blütezeit Triests.

Wien war Triest oft näher als das ferne Rom

Doch trotz einer wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit, blieb die Stadt immer umstritten. Zwar konnten auch der neue italienische Nationalstaat, der sich schließlich Venedig einverleibte, zunächst nichts an der österreichischen Herrschaft ändern, aber die Mehrheit der Bevölkerung fühlte sich stets als Italiener. Nur war die italienische Elite der Stadt meist österreichfreundlich. Natürlich auch, weil man sich sicher war, Triest habe für Wien stets eine größere Bedeutung, als es für Rom haben könnte.

Der Einfluss der alten K.-u.-K.-Zeit wirkt heute noch in der Stadt nach, und verleiht ihr ein einzigartiges, von Einheimischen, wie Touristen geschätztes Erscheinungsbild. Der damals von den Eliten befürchtete Bedeutungsverlust allerdings – der trat nach dem 1. Weltkrieg tatsächlich ein. Und unruhig blieb die Geschichte der Stadt auch nach dem 2. Weltkrieg, als die Region zum Zankapfel zwischen Italien und Jugoslawien wurde. Kurz nach Kriegsende wurde die Stadt kurzzeitig von jugoslawischen Partisanen besetzt. Am Ende einigte man sich auf ein unabhängiges Triest unter UN-Verwaltung, das aber nur bis 1954 Bestand hatte. Heute ist Triest endgültig italienisch, doch es gibt immer noch Aspekte, unter denen Triest in Italien einzigartig bis führend ist. Die Kaffeekultur der Stadt zum Beispiel.

Espresso – un caffè – un nero

Il capoluogo del caffè“ nennt sich Triest bis heute gerne selbst, die Hauptstadt des Kaffees. Diesen Anspruch in einem Land zu erheben, das sich für DIE Kaffeenation der Welt schlechthin hält, kann man schon als gewagt betrachten. Die Triestiner untermauern diesen Anspruch mit rund 1.500 Tassen Kaffee je Einwohner jährlich. In Deutschland sind es gerade einmal 500 Tassen, aber selbst im restlichen Italien kommt man nur auf etwa die Hälfte an Tassen Kaffee.

Als Handelshafen saßen die Triestiner natürlich oft an der Quelle. Vor dem 1. Weltkrieg war die Stadt einer der weltweit größten Handelsorte für Kaffee überhaupt. Die Liebe zu ihrem Stadtgetränk geht sogar so weit, dass die Triestiner ihren Kaffee zwar Italienisch bestellen, aber die Bezeichnungen für einzelne Kaffeespezialitäten sich von denen im restlichen Italien unterscheiden. Wer als Tourist etwas auf sich hält, der weiß, er muss seinen Espresso mit un caffè bestellen. Der freundliche Barista oder die lächelnde Bedienung wird Ihnen zwar auch in Triest einen Espresso bringen, aber vielleicht zumindest darauf hinweisen, dass sie eigentlich un nero hätten bestellen müssen. Oder, um sich ganz der Triester Kaffeekultur hinzugeben, einen un nero in b(icchiere), einen Espresso im Glas. Einen Cappuccino finden Sie zwar auch hier, bestellen sollten Sie aber einen caffeelatte. Und steht Ihnen der Sinn nach einem Latte Macchiato, ordern Sie un capo. Am Besten aber probieren Sie die triestinische Kaffeespezialität Gocciato, einen Espresso mit einem Tropfen (goccio) Milchschaum in der Mitte.

1.500 Tassen im Jahr müssen allerdings natürlich erst einmal getrunken werden, weshalb man den Triestinern auch nachsagt, sie würden ihren Espresso – scusi, nero in b – schon einmal in aller Eile trinken. Tatsächlich lässt sich dieses Schauspiel an der ein oder anderen Kaffeebar dort bewundern, wenn Bestellung, Zubereitung, Bezahlung und Genuss in fließenden Bewegungen ineinander übergehen. Dennoch hat Triest mehr als ein traditionsreiches Kaffeehaus aufzubieten, in dem der Kaffeeliebhaber schon seit Jahrhunderten diskutieren und Kaffee genießen kann. Auf der zentralen Piazza Unitá etwa lädt das „Caffè degli Specchi“ ein, von dessen einst zahlreichen namensgebenden Spiegeln (specchi) heute aber nur noch wenige erhalten sind. Ein weiterer Tipp, gerade für Literaturfreunde ist das „Caffè San Marco“, neben Kaffee lassen sich hier nämlich auch Bücher erstehen.

Im Kaffeehandel hat der Hafen von Triest längst an Bedeutung verloren, tatsächlich ist der Tiefseehafen inzwischen einer der größten europäischen Anlaufstellen für Öltanker geworden. Fernab des Hafens ist der Tourismus heute eine der Haupteinnahmequellen. Anreisen kann man bequem mit dem Flugzeug, oder über Wien, Klagenfurt bzw. Villach per Bahn. Oder einfach mit dem Auto, selbst eine regelmäßige Flixbus-Strecke existiert – zumindest in Zeiten vor der Coronapandemie. Eine Reise ist die Stadt wegen ihres ganz eigenen Charmes auf jeden Fall wert, und guten Kaffee gibt es natürlich auch.