In den alten Hansestädten erklingen immer wieder Namen längst verstorbener Kaufleute, an die sich dennoch jeder erinnert. Ludwig Roselius ist in Bremen einer dieser Namen.

„Er ließ sich von verschuldeten Königen und von notleidenden Kommunisten anpumpen.“, brachte es der Bremer Sozialdemokrat Alfred Faust einmal treffend auf den Punkt, wenn es um Ludwig Roselius‘ gesellschaftspolitische Einstellung ging. Politisch klar konservativ, zählten dennoch nicht nur Ex-Kronprinzen zu seinen Geschäftspartnern, er pflegte auch mit Friedrich Ebert, Sozialdemokrat und erster Präsident der Weimarer Republik, zu debattieren, ebenso wie mit dem liberalen und später einem Attentat zum Opfer gefallenen Politiker Rathenau. Und dennoch stand er den Nationalsozialisten nahe, kannte Hitler persönlich und war später Mitglied der von den Nazis gegründeten Akademie für deutsches Recht.

Von Bernhard HoetgerSelbst fotografiert, CC BY-SA 2.0 de, Link

Im 1. Weltkrieg hatte er zwar nicht als Soldat gekämpft, dafür aber eine große Rolle als Finanzier und Propagandist gespielt. Historiker schreiben ihm heute zu, den Kriegseintritt Rumäniens gegen das Deutsche Reich durch seine Aktionen spürbar hinausgezögert zu haben.

Die Straße als Gesamtkunstwerk

In der Hansestadt Bremen wird bis heute hauptsächlich die Böttcherstraße mit dem Namen Ludwig Roselius verbunden, er erschuf die Straße praktisch neu. Um die vorletzte Jahrhundertwende so verfallen, dass der Bremer Senat schon mit dem Gedanken spielte die Straße komplett abzureißen, erwarb der Kunstmäzen Roselius 1902 das Gebäude in der Böttcherstraße 6 und begann an seiner Vision zu arbeiten: die Böttcherstraße als Gesamtkunstwerk. Er versammelte Künstler, Architekten und Kunsthandwerker um sich, um in der ehemals vom Abriss bedrohten Straße klassisches Kunsthandwerk und moderne Architektur zu vereinen. Der einbrechende 1. Weltkrieg ließ das Projekt ins Stocken geraten, doch gegen 1930 konnten Bremer und Touristen zum ersten Mal mehr oder weniger stauend eine Stadt in der Stadt besichtigen. Gemeinsam mit den federführenden Architekten Eduard Scotland, Alfred Runge und dem Bildhauer Bernhard Hoetger hatte der Bremer Kaufmann seiner Heimatstadt einen neue Attraktion geschenkt. Gleichwohl der konservative Roselius auch nationale Einflüsse dabei mit einfließen ließ, den Gefallen der neuen Herrn fand er damit nicht. 1936 erklärter Hitler auf dem Reichsparteitag der NSDAP, dass er „Böttcherstraßen-Kultur schärfstens“ ablehne.

Eine touristische Sehenswürdigkeit ist die Böttcherstraße auch heute noch, allerdings handelt es sich um einen Wiederaufbau nach Kriegsende. Die Original-Straße fiel einem alliierten Luftangriff zum Opfer. Ihr geistiger Schöpfer und Finanzier Ludwig Roselius musste das Ende seines Gesamtkunstwerkes allerdings nicht mehr erleben, er starb 1943 nur kurze Zeit vorher.

Als Kunstmäzen und politisch engagierter Unternehmer ist Ludwig Roselius heute durch seine Nähe zum Nationalsozialismus umstritten. Über die Grenzen seiner Heimatstadt Bremen hinaus bekannt geworden, ist er allerdings schon vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, als er sich einen Eintrag im Geschichtsbuch des Kaffees verschaffte.

Der Kaffeehandel trug auch zum Reichtum der Kaufmannsfamilie Roselius bei.

Bereits der Vater war im Kaffeehandel tätig

Ludwig Roselius entstammte einer alten Kaufmannsfamilie, schon sein Vater war als Importeur von Kaffee tätig. Zeitweise auch in anderen Wirtschaftsbereichen unterwegs, blieb der Kaffee auch für Sohn Ludwig immer der Mittelpunkt seiner Unternehmungen. Noch zu Lebzeiten des Vaters baute er das Familienunternehmen europaweit aus, gründete etwa Niederlassungen in London und Wien.

Erfinder des koffeinfreien Kaffees

Kaffeegeschichte schrieb Roselius aus einem traurigen Anlass, 1902 verstarb sein Vater mit nur 59 Jahren. Als Ärzte den übermäßigen Kaffeegenuss, und damit das Koffein als Ursache für den überraschenden und frühen Tod identifizierten, beschloss der Sohn koffeinfreien Kaffee zu entwickeln. In den folgenden Jahren kreierte Roselius tatsächlich mit dem nach ihm benannten Verfahren die erste kommerziell genutzte Methode zum Entkoffeinieren von Kaffee. 1905 meldete er sie zum Patent an. Ein Jahr später war er maßgeblich an der Gründung von Kaffee HAG beteiligt, um erstmals entkoffeinierten Kaffee weltweit zu vertreiben. Im Laufe des 1. Weltkrieges musste das Unternehmen die Produktion jedoch einstellen, erst 1922 wurde unter dem Namen Kaffee HAG wieder Kaffee vertrieben. Und nicht nur das, man brachte sogar eine HAG Cola heraus. Natürlich ebenfalls ohne Koffein. Als Marke für entkoffeinierten Kaffee existiert Kaffee HAG innerhalb von Jacobs Kaffee noch heute.

Freilich kann man sagen, dass Roselius mit seinem Verfahren zwar das Koffein aus dem Kaffee brachte, ob er damit aber zur Gesundheit der Kaffeetrinker beitrug – darüber könnte man streiten. Der verwendete Werbeslogan „Immer unschädlich! Immer bekömmlich!“ dürfte so heute wahrscheinlich zu einem Bumerang werden. Angewendet wird das Roselius Verfahren bei modernen Entkoffeinierungsprozessen nicht mehr, weil es als Lösungsmittel krebserregendes Benzol nutzte. Der Name Ludwig Roselius wird dennoch immer mit der Erfindung des entkoffeinierten Kaffees in Verbindung bleiben.


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