Ausgerechnet in Italien hat sich die sogenannte dritte Kaffeewelle nie durchgesetzt. Warum eigentlich?

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Kaffee der Begriff „dritte Welle“ bzw. „Third Wave“ in der sich die Kaffeekultur seit einigen Jahren befindet. Gemeint ist damit eine Bewegung von Kaffeeliebhabern, die sich gezielt vom Massenprodukt Kaffee (die erste Welle), aber auch Coffeeshops wie Starbucks (die zweite Welle) absetzen möchte. Im Zentrum der dritten Kaffeewelle steht der Kaffee als qualitativ hochwertiges und nachhaltig gewonnenes Ausgangsprodukt auf der einen Seite, und aufwändigen, ganz neue Aromen hervorbringende Zubereitungsmethoden auf der anderen Seite. In Form vieler kleiner Kaffeeröstereien und Kaffeebars hat sich die dritte Welle von den USA aus über die ganze Welt verbreitet. Nur in einem Land kam sie nie so recht an: Italien

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Kaffeebar in Italien
Der gemeinsame Espresso ist ein Stück italienischer Lebenskultur.

Dass die dritte Kaffeewelle ausgerechnet in Italien nur flach daherkommt, scheint auf den ersten Blick ein wenig seltsam zu sein. Schließlich ist das Land für seine Kaffeekultur ebenso bekannt wie für Pizza und Pasta, Strand und Meer oder dem dolce vita per Definition. Italien und Kaffee gehören einfach zusammen. Mit Venedig, dem Ursprung italienischer Kaffeegeschichte, Neapel, dem Epizentrum der Kaffeekultur, und Triest, das mit seinem Kaffeekonsum den Rest Italiens auf die Plätze verweist, streiten sich gleich drei Städte um den inoffiziellen Titel der „Kaffeehauptstadt Italiens“.

Warum also findet selbst heute noch die dritte Kaffeewelle in Italien so gut wie nicht statt?

Doch echte Italienkenner sind von dieser Tatsache weit weniger überrascht als die Allgemeinheit. Sie können mehrere Gründe dafür anführen, warum sich die italienische Kaffeekultur der dritten Kaffeewelle entgegengestemmt hat.

Italiener vererben ihre Kaffeevorlieben an die nächste Generation

Mokkakanne
Für viele Italiener die Zubereitungsmethode Ihrer Wahl.

Gerade neue Kaffeeröstereien haben es in Italien oft nach wie vor schwer. Der italienische Kaffeetrinker ist seiner Kaffeemarke besonders treu, in manchen Familien wird sie sogar über Generationen hinweg nicht verändert. Frei nach dem Motto, was bei der Mama auf den Tisch kam, wird auch in der nächsten Generation so bleiben.

Genauso wenig können viele Italiener mit den zahlreichen neuen oder wiederentdeckten Zubereitungsmethoden anfangen. Für den durchschnittlichen Italiener gibt es immer noch die Mokkakanne (auch Bialetti genannt) zuhause, oder den Siebträger in der Espressobar. Filterkaffee, der in Deutschland zum Beispiel noch immer die häufigste Zubereitungsform ist, gilt bei vielen Italienern als schwach und farblos. Aber gerade auf unterschiedlicher Zubereitungsmethoden mit Kaffeefiltern baut die dritte Kaffeewelle ganz besonders. Nur eine Chemexkanne dürfte in der klassischen Espressobar so fehl am Platze sein wie ein Stück Ananas auf der Pizza – man kann beides versuchen, wird bei einem Italiener aber nur blankes Entsetzen dafür ernten.

Der Espresso wurde zum Synonym für Kaffee

Diese Traditionstreue läuft natürlich darauf hinaus, dass Kaffee in Italien noch immer identisch mit Espresso ist. Nicht umsonst bestellt man sich dort keinen „Espresso“ sondern „un caffé“, und ein echter Espresso lässt sich nun einmal nur in einem Siebträger zubereiten. Der Espresso hat sich zu einer Ikone der italienischen Lebensart entwickelt. Er ist den Italienern sogar so wichtig, dass er noch heute einer Preisbindung unterliegt. Regional leicht abweichend kostet er in den zahlreichen Espressobars immer rund einen Euro – zumindest, wenn man ihn an der Bar trinkt, bei an einem Tisch getrunkene Espresso ist die Preisbindung aufgehoben. Das es sich dabei nicht um ein Relikt aus vergangenen Zeiten handelt, zeigte sich 2020 während der Coronapandemie. Die angekündigte Preiserhöhung beim Espresso sorgte für ein großes Medienecho und viel Aufregung in der Bevölkerung.

Im Vergleich zu anderen Ländern, kann der Italiener seinen Espresso also besonders günstig genießen. In Deutschland kostet der Espresso meist mindestens das Doppelte von dem an einer italienischen Espressobar. Die Preisbindung und die Gewohnheit ihren Espresso relativ günstig zu trinken haben bei den Italienern aber auch dazu geführt, dass sie für eine Tasse auch gar nicht bereit wären mehr zu zahlen. Aber wenn der Preis für eine Tasse Kaffee eine derart wichtige Rolle spielt, hat es der teurere Spezialitätenkaffee der dritten Welle natürlich schwerer sich durchzusetzen. Argumente wie eine höhere Qualität oder nachhaltiger Anbau verfangen bei den Italienern offenbar weit weniger als bei anderen Europäern. Die Italiener scheinen mit dem Status Quo der Kaffeequalität durchaus zufrieden zu sein.

Die Abkehr von reinen Robustamischungen

Vor allem ältere Italiener sind noch reine Robustamischungen als Basis für ihren Espresso gewohnt. Später kamen Arabica-Robusta-Mischungen auf. Das Robustabohnen heute auch über die Grenzen Italiens hinaus als klassische Espressobohnen gelten, oder zumindest anteilig in einer Espressomischung zu finden sind, hat hier seinen Ursprung. Erst in den letzten Jahren haben auch die großen Traditionsröstereien in Italien damit begonnen an Aromen und Qualität vielfältigere reine Arabicamischungen für Espresso auf den Markt zu bringen.

Marese Kaffee des Monats

In Deutschland sieht es nicht viel anders aus

Auch die italienische Kaffeekultur befindet sich also im Wandel. Allerdings weit weniger als bei ihren Nachbarn. Der traditionelle Espresso bildet noch immer ein Bollwerk gegen Pour-Over-Kaffee oder Zubereitungen mit einer Chemex. Die klassische Mokkakanne ist dem Italiener immer noch am liebsten, und der Barista setzt weiter auf seinen Siebträger. Wer jetzt aber glaubt die Italiener würden sich einfach nur einem Trend verschließen oder blieben sogar bei ihren rückständigen Ansichten, der sollte etwa aus deutscher Sicht mit dem Steine werfen noch etwas warten. Was dem Italiener sein Siebträger, ist dem Deutschen seine Filterkaffeemaschine. Und auch wenn hierzulande gerade in den Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München ein weit lebendigere Kaffeeszene existiert, vergleichbar mit Venedig, Neapel oder Triest, auch bei uns führen Spezialitätenkaffees und alternative Brühmethoden ein Nischendasein.